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Große Schwestern - Fünf Jahre UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland

LAG-BW
Arthur und Katharina - GLGL

Große Schwestern
Fünf Jahre UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland

Niemand hat sie dazu aufgefordert. Sie hat es nur für sich getan:
Katharina (13) hat sich abends ihren Frust von der Seele geschrieben.
„Ich finde es eine Schande“, schreibt sie, „dass die Stadt Mannheim und
auch unsere gesamten Politiker es seit 2009 nicht geschafft haben,
Inklusion zum Alltag zu machen. Und überall, wo sie es mal geschafft
haben, stellen sie sich in den Vordergrund und rühmen sich ihrer guten
Tat. Dem ist in meinen Augen nicht so. Man muss ihnen zu Gute halten,
sie machen etwas, aber halt nicht genug und oft auch erst dann, wenn man
sie wieder und wieder auffordert. Ich finde das einfach ungerecht diesen
Menschen gegenüber. Sie können doch nichts dafür, dass sie eine
Behinderung haben, und ich finde, sie haben ein RECHT AUF INKLUSION!!!“
Katharina muss zur Zeit mit ansehen, wie ihre Eltern darum kämpfen, dass
ihr kleiner Bruder Arthur (10 und mit fragilem X-Syndrom) nach vier
Jahren in einer Außenklasse mit möglichst vielen seiner behinderten und
nicht behinderten Freunde auch eine allgemeine weiterführende Schule
besuchen kann.
Auch Mira (10) aus Heidelberg hat erlebt, dass es alles andere als
selbstverständlich war, dass ihr kleiner Bruder Arwed (8) mit
Down-Syndrom dieselbe Grundschule besuchen darf wie sie, nämlich die
IGH, die Internationale Gesamtschule Heidelberg, die Mira vom
Küchenfenster aus sehen kann. Die monatelangen Auseinandersetzungen
bekam auch sie natürlich mit. Inzwischen wird Arwed in der 2. Klasse der
IGH inklusiv beschult und hat an der Schule viele Freunde. Mira hat sich
jetzt für die IGH auch als weiterführende Schule entschieden – und macht
sich schon wieder Sorgen, ob auch ihr Bruder später bleiben darf. „Und
was sie total nervt“, erzählt ihre Mutter, „ist, dass alle über
Inklusion mitreden wollen, aber die meisten überhaupt keine Ahnung davon
haben.“
Unwissenheit kennt auch Katharina gut. Sie schreibt: „Nun es ist in
unserer Gesellschaft leider so, dass viele Menschen blöd und neugierig
glotzen (dies mag hart oder schroff klingen, ist aber in meinen Augen in
diesen Worten am besten beschrieben), wenn sie einen Menschen mit
Behinderung sehen. Dies liegt daran, dass Menschen mit Behinderung der
Öffentlichkeit vorenthalten werden oder, um es mit meinen Worten zu
sagen, dahin gebracht werden, wo sie die Öffentlichkeit und vor allem
Kinder nicht oder selten zu sehen bekommen. Für die behinderten Kinder
sind das die Behindertenschulen. Und da sind wir schon an dem Punkt, der
mich so wütend macht. Ich frage mich wie eine Gesellschaft so etwas
machen kann, das ist doch inakzeptabel. Nur weil jemand anders ist oder
etwas nicht so gut oder so schnell kann wie jemand anderes, der keine
Behinderung hat, ist das doch noch lange kein Grund, diese Person nicht
an einer normalen Schule zu unterrichten.“
Um eine „normale“ Schule für ihren sehbehinderten Sohn stritten lange
auch die Eltern von Miriam (13) aus Dossenheim. Miriams Mutter hat in
einem Artikel geschrieben: „Für sie ist er der klügste und tollste
kleine Bruder, den es gibt. Joshuas Schwester ist mutig und schlau, die
beiden geben sich so viel. Joshuas Behinderung ist für beide praktisch
nicht vorhanden, wenn sie zusammen spielen, kuscheln, lesen. Was die
größte Angst von Joshuas Schwester ist? Dass ihr Bruder keine Freunde
findet, dass er ausgegrenzt wird, dass er nicht in unserer Nähe auf eine
Schule gehen darf, dass er nicht mit uns zusammen sein kann.“ Miriam hat
an Aufklärungsständen mitgeholfen, hat Luftballons einer
Elterninitiative für Inklusion aufgeblasen – und hat sich gefreut, als
Joshua endlich mit Schultüte vor der örtlichen Grundschule stand.
Doch all das hinterlässt Spuren – bei Miriam, bei Mira, bei Katharina
und vielen anderen Geschwistern von Kindern mit Behinderung. Auch wenn
der Kampf um die dauerhafte Inklusion ihrer Jungs am Ende erfolgreich
sein wird – in einem sind sich alle drei Mütter einig: „„Das sind
zusätzliche und völlig überflüssige Belastungen und so manche Familie
erleidet dabei auch Schaden!“

Katharinas Text im Original hängt als pdf an,
die Fotos zeigen Katharina und ihren Bruder Arthur.

LAG – Landesarbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg
Gemeinsam leben – gemeinsam lernen e.V.

PDF-Datei: 
AnhangGröße
Katharinas Text.pdf62.13 KB